vom start-up zum rise-up

wenn scheitern zum erfolg wird

Jährlich werden unzählige neue Start-ups gegründet. Die Hälfte aller Jungunternehmen scheitert allerdings – doch das Scheitern muss nicht das Ende bedeuten, sondern kann auch eine Chance für einen Neuanfang sein.

Zeitpunkt Z+. Projektphase: Nirvana. Verlust: 12.500 Euro. Fabian Raums (24) Traum vom Leben als erfolgreicher Jungunternehmer ist gescheitert: Über ein Jahr lang hat der gebürtige Nürnberger gemeinsam mit seinem Mitgründer David Naßler um den Erfolg seines Start-ups gekämpft. Vergeblich. Die Studententaschen mit integriertem Sitzkissen wollte einfach niemand haben. Dabei hatten die beiden im Vorfeld eine Umfrage in der Universität gestartet. Alle hatten sie gesagt: „Jaaa. Ist ne ganz coole Idee!“, erzählt Fabian Raum. Vor dem zweiten Teil der Antwort: „Für mich persönlich jetzt nichts, weil ich bin jetzt eh nicht sooo oft an der Uni, aber ich könnt mir schon vorstellen, es ist eine echt coole Idee“, verschließt er jedoch zum damaligen Zeitpunkt die Augen. Zu groß ist sein Drang danach, etwas eigenes, ein Produkt, zu machen, „das man wirklich in der Hand hat“, sagt der Absolvent eines BWL-Studiums heute. Ein Fehler, den nicht nur er begeht.


Start-ups

Unternehmen, die durch drei wesentliche Merkmale definiert sind:

  • Jünger als zehn Jahre
  • Mit ihrerTechnologie und/oder ihrem Geschäftsmodell (hoch) innovativ
  • Start-ups streben ein signifikantes Mitarbeiter- und/oder Umsatzwachstum an

(Quelle: Deutscher Startup Monitor)


Praktisch aber erfolglos – Fabian Raums Taschen mit integriertem Sitzkissen fanden wenig Anklang bei den Studenten. Bildrechte: Fabian Raum

Wenn der “Egotrip” zum Hindernis wird

„Viele junge Unternehmer sind am Anfang eines Start-ups sehr überzeugt von sich und auf einem ‚Egotrip‘“, sagt Gründercoach Marcel Kaffenberger aus Hamburg. Ihr eigener Chef sein, das wollen viele. Dabei übersehen sie oft den Zeitpunkt, an dem das Projekt gescheitert ist. Häufig steht den Start-up-Gründern ihre eigene Unbelehrbarkeit im Weg. „Man muss aufgeschlossen sein für Veränderungen und sich dann überlegen, ob das Konzept so passt.“ Oft würden Produkte entwickelt, die „kein Mensch braucht“, weiß der Coach. Ein Überangebot, keine klare Differenzierung zum Wettbewerb, falsche Gründungspartner und persönliche Probleme – wie zum Beispiel Überforderung – seien außerdem Gründe, warum junge Unternehmen erfolglos bleiben.

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aller gegründeten Start-ups scheitern in den ersten fünf Jahren (brancheninterne Daumenregel)


Sommer 2014: Start des Taschenverkaufs. 100 Taschen haben Fabian Raum und sein Partner David Naßler in Auftrag gegeben. Die Produktion der Taschen haben die beiden aus eigener Tasche gezahlt. Auch das Design stammt aus ihrer eigenen Feder. Doch das Konzept kommt beim Kunden nicht an. Ein paar Leute aus dem Bekanntenkreis der Unternehmer kaufen die Taschen. Danach stockt der Verkauf. Die beiden Jungunternehmer setzen sich ein Limit: bis zum Zeitpunkt X sollen alle Taschen verkauft sein. Sie erreichen das Ziel nicht. Bis heute warten noch einige Taschen auf einen Käufer. Trotzdem machen sie weiter, auch an Zeitpunkt Y und Z verpassen sie den Ausstieg. Zu spät kommt die Einsicht: „Ich habe gefühlsmäßig einfach gemerkt: Hey, das passt nicht, das stimmt nicht zusammen, vorne und hinten nicht, was wir da an Effort reingeben und was dann hinten rauskommt”, erzählt Fabian heute.


“Man entwickelt Superkräfte“

Die meisten erfolglosen Start-up-Gründer wollen das Scheitern ihres Projekts nicht wahrhaben, wollen ihr Unternehmen nicht verlieren. Ein fataler Fehler, meint Christian Manthey, Vorstand des Klubs der Gründer und Inhaber des Unternehmens firma.de. “Wenn scheitern, dann bitte schnell.“ Jungunternehmer sollten demnach spätestens nach sechs Monaten aufhören, wenn es nicht mehr läuft, nicht erst nach eineinhalb Jahren.

Bei der Entstehung der Gründungsidee will natürlich noch niemand ans Scheitern denken. Die Entscheidung, eine Idee in die Tat umzusetzen, beflügelt die angehenden Unternehmer. „Wenn man motiviert ist und das Ziel vor Augen hat, entwickelt man Superkräfte.”


Die Metalnade – eine Mischung aus Met und Limo – kommt nicht nur auf Mittelaltermärkten gut an

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Ein Drittel aller Start-up-Gründer hatten zuvor bereits ein Start-up, das gescheitert ist


Solche Superkräfte können auch ein erfolgreiches Unternehmen hervorrufen. Sie haben auch Albert Stigler (31) und seinem Partner Christian Solleder geholfen ihre Geschäftsidee zu verwirklichen. Es passiert vor etwa sieben Jahren auf einem Mittelaltermarkt: Der Met droht auszugehen. Er wird mit Limonade gestreckt. Das Endprodukt überzeugt. Auch Albert Stigler, der sofort eine Marktlücke wittert. Ein Anruf beim Amt für geistiges Eigentum ergibt: Dieses Produkt gibt es noch nicht. Spontan meldet Stigler Patent auf das Produkt an. Neben seinem Vollzeitberuf als KfZ-Mechaniker stürzt sich Albert Stigler in sein neugeborenes Start-up. Doch der Verkaufsstart lässt auf sich warten. Die Gründe dafür sind, neben Stiglers eigener Unerfahrenheit, vor allem die langwierigen Genehmigungsprozesse der Ämter. Doch der Glaube in das Produkt bleibt und wird belohnt: Die „Metalnade“ wird am 25. Juni 2016 das erste Mal auf einem Festival mit 800 Besuchern verkauft – mit Erfolg.

Doch während des langen Weges gibt es auch bei Stigler Momente, die ihn zweifeln lassen. Hinzu kommen finanzielle Schwierigkeiten, die Albert Stigler nicht alleine stemmen kann. Sein Freund Christian Solleder steht ihm in dieser Zeit bei und wird schließlich sein Unternehmenspartner. „Ohne Christian wär’s nie so weit gekommen. Der hat mir immer Motivation gegeben und Mut zugesprochen“, erzählt Stigler.

„Ein Spitzenteam kann eine mittelmäßige Idee zum Fliegen bringen und ein mittelmäßiges Team kann eine Spitzenidee abstürzen lassen“

Gründercoach Kaffenberger

Scheitern gehört im Geschäftsleben dazu. Hannes Schleeh, Geschäftsführer des Existenzgründerzentrums Ingolstadt, vertritt dazu einen klaren Standpunkt: „Man lässt Gründer zu wenig scheitern. Wir müssen den jungen Leuten, die es wagen, mehr Risiko zutrauen.” Das Scheitern dürfe nicht stigmatisiert und verurteilt werden.  Eine Meinung, die Gründercoach Kaffenberger teilt: „Scheitern ist ein integraler Bestandteil der Gründung. Es ist nur eine Frage des Ausmaßes und des Umgangs.“

Scheitern – eine Chance 

Als Versager fühlt sich Fabian durch das Scheitern seines Start-ups nicht. Ganz im Gegenteil: „Es war ja nicht so, dass ich gedacht hab, das war jetzt vergeudete Zeit. Es war halt mein Weg.“ Heute sieht er sein Scheitern als eine Chance. „Ich habe in der Zeit so viel gelernt und mit dem Wissen kann ich so viel anfangen.“ Sein Wissen wendet er heute in einem neuen Projekt an. Gemeinsam mit Freund Konstantin Preinl hat er Ende 2015 mit Hilfe einer Crowdfunding Kampagne ein neues Start-up gegründet, das Koffein-Riegel herstellt.

Auch Albert Stigler und Christian Solleder haben sich in den vergangenen sieben Jahren mühevoll ihr unternehmerisches Wissen angeeignet. Die Erfolgsaussichten ihres Start-ups sind vielversprechend. Ihr Getränk kommt an. Angst vorm Scheitern haben sie nicht: „Das passt echt gut so wie’s is.“

Crowdfunding

Mit Crowdfunding lassen sich Projekte, Produkte, Start-ups und vieles mehr finanzieren.

Crowdfunding-Projekte werden meist über das Internet organisiert. Das Besondere daran ist, dass eine Vielzahl an Menschen ein Projekt finanziell unterstützen – jeder der möchte, kann in ein Projekt finanzieren.

Es gibt vier verschiedene Arten:

  • Klassisches Crowdfunding: Der Unterstützer erhält vom Unternehmen ein nicht-finanzielles Dankeschön, zum Beispiel das fertige Produkt
  • Crowdinvesting: Der Unterstützer, sog. Crowd, wird finanziell am Projekterfolg beteiligt
  • Spenden Crowdfunding: Die Crowd erhält keine Gegenleistung, teilweise gibt es ideelle Gegenleistungen, wie z.B. eine öffentliche Danksagung
  • Crowdlending: Die Crowd vergibt über eine feste Laufzeit einen Kredit zu einem vereinbarten Zins

(Quelle: crowdfunding.de)

Im Jahr 2016 finanzierten sich Start-ups unter anderem durch

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Eigene Ersparnisse

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Staatliche Fördermittel

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Bankdarlehen

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Crowdfunding

Tipps gegen das Scheitern von Start-ups

die autoren

text  florentina czerny

text & bild  lea kestel

text  clarissa tatschner