professioneller Protest

Anwalt der Aktivisten

Holger Isabelle Jänicke ist hauptberuflich Aktivist. Seine Arbeit zeigt: Protest findet nicht nur auf der Straße statt, sondern auch am Schreibtisch, im Gerichtssaal oder bei Gesprächen unter Bäumen.

Holger Isabelle Jänicke ist hauptberuflich Aktivist. Seine Arbeit zeigt: Protest findet nicht nur auf der Straße statt, sondern auch am Schreibtisch, im Gerichtssaal oder bei Gesprächen unter Bäumen.


von Matthias Reinelt und Daniela Weichselgartner

 
Die Demonstranten überschreiten die rote Linie. „Wir sind drauf zu, haben kurz gehalten und“ – Holger Isabelle Jänicke hüpft über die imaginäre Linie mitten auf der Straße – „sind dann einfach weiter“. Die glühende Zigarette klemmt zwischen seinen Fingern. Die Fingernägel glänzen lila. Zwei Haarspangen, die aussehen wie rote Mohnblumen, halten die feinen Haare zusammen. Ein Buch beult die weite Tasche seines Kleides aus – Hannah Arendts „Über die Revolution“.

Nicht weit entfernt von der Straße sollten damals im Jahr 2004 Atom­transporte rollen. Der Atommüll sollte ins Zwischen­­lager nach Gorleben gebracht werden, weniger als 20 Kilometer von hier, im nieder­säch­sischen Landkreis Lüchow-Dannenberg. Die Aktivisten demonstrierten gegen die Transporte. Im Wendland, einer Region zwischen Hamburg und Berlin, trifft man auf viele, die sich gegen Atom­­energie einsetzen. Die Aktivisten betraten die Sperrzone, in der an Tagen von Atom­­trans­­porten Versammlungen verboten sind. Den verbotenen Bereich markierte die rote Linie. Am Tag zuvor hatten die Aktivisten sie selbst gezeichnet. Um die Sperrzone zu schützen, stand eine Gruppe von Polizisten bereit. Ohne die rote Linie zu beachten, gingen die Atomgegner auf die Transport­­strecke zu. Die Polizisten waren so überrascht, dass sie ihre Kette auflösten und den Demonstranten entgegenkamen.

Sein ganzes Leben widmet er dem Aktivismus. Noch nie hatte er einen normalen Job.

„Plötzlich waren wir mitten auf der Transport­­strecke und die Polizisten standen dumm rum“, erzählt Jänicke. Er wedelt mit seinen dürren Armen durch die Luft und deutet Richtung Transport­­strecke. Über der schwarzen Cordhose trägt er ein gestreiftes Kleid, dazu braune Stiefel. Jänicke läuft kreuz und quer, schildert die Erlebnisse von vor über zehn Jahren, als wären sie erst einige Stunden her. „Das war irgendwie ’ne geile Idee, ’ne richtig schöne Aktion, die einfach Spaß gemacht hat“, erinnert er sich.

Seit 40 Jahren engagiert sich Holger Isabelle Jänicke in sozialen Bewegungen.

Wenn Holger Isabelle Jänicke erzählt, schwingt volle Überzeugung in seiner Stimme. Jänicke gräbt in der Vergangenheit, spricht lang und ausschweifend über Zusammenhänge: Wie der Atom­­krieg beinahe ausgebrochen wäre und warum es die Energie­­wende braucht. „Aber eigentlich möchte ich nicht wie ein Kriegs­­veteran klingen“, sagt er. Sein ganzes Leben widmet er dem Aktivismus. Noch nie hatte er einen normalen Job. Sein Leben ist sein Beruf und sein Beruf sein Leben – er ist einer von zehn Bewegungs­­arbeitern der Bewegungs­­stiftung. Das bedeutet: Vollzeit–Aktivist. Paten unterstützen die Aktivisten, indem sie monatlich einen bestimmten Betrag an die Bewegungs­­stiftung überweisen. Die gibt das Geld an die Bewegungs­­arbeiter weiter. Seit 2003 ist Jänicke bei der Bewegungs­­stiftung. Neun Paten spenden für Jänicke. Er ist rund um die Uhr beschäftigt – er schreibt Anträge, wälzt Akten oder führt Beratungs­­gespräche.

Wenn er morgens aufsteht, sitzt er nach den ersten drei Tassen Kaffee und vier Zigaretten im Bett und beantwortet eine Flut an Mails, erzählt er. Egal wo er ist, immer ploppen Mails am Bild­­schirm auf. Denn Aktionismus bedeutet für ihn nicht, nur auf Demon­­strationen Schilder in die Höhe zu halten oder Parolen zu schreien. Früher saß er oft gemeinsam mit anderen in Sitz­­blockaden, um sich gegen Atom­­waffen oder Castor–Transporte aufzulehnen. Heute als Bewegungs­­arbeiter beschäftigt ihn vor allem eines: Hinter­­grund­­arbeit. Der Schwerpunkt seiner Arbeit liegt auf juristischer Beratung für Protest­­gruppen, denen Prozesse bevorstehen. Er ist zwar kein gelernter Jurist, hat sich aber im Laufe der Jahre eigenständig viel Wissen angeeignet. Jänicke legt Wert darauf, dass sich die Aktivisten zu keinem Zeitpunkt alleingelassen fühlen. Deshalb begleitet er sie am liebsten von der Planung über die Aktion bis zum Abschluss des Prozesses. „Die Aktion ist nicht mit der Aktion zu Ende, sondern erst, wenn der letzte Aktivist aus dem Gefängnis draußen ist und das kann Jahre später sein“, sagt er.

Audio: Jänicke über seine Rolle als Jurist und Berater für Aktivisten

 
Um die Aktivisten für den Gerichts­­saal vorzubereiten, bietet er auch Prozess­­trainings an. Die Beteiligten spielen in Rollen­­spielen Prozesse durch. In einem künstlich aufgebauten Gerichts­­saal trainieren die Aktivisten, wie sie vor Gericht auftreten. Jänicke spielt meist den Richter, trägt sogar eine Robe. Die Angeklagten sollen nicht nur lernen, überzeugend zu argumentieren, sondern auch „wie sie ans Ohr des Richters kommen“. Jänicke kann dabei eigene Erfahrungen weitergeben. Die Rolle des Angeklagten kennt er gut. Zwischen 40 und 50 Mal wurde er festgenommen, musste sich in 35 Straf­­verfahren dem Richter stellen. In seiner Aktivisten­­laufbahn ist Jänicke schon häufig mit dem Gesetz in Konflikt geraten.

Seit 1979 ist er in der Friedens­­bewegung aktiv. Mit ein Grund für sein Engagement: Der Vater arbeitete als Maschinenbau­­ingenieur beim deutschen Waffen­­her­­steller Mauser. Dort entwickelte er Maschinen­­kanonen für Alpha Jets und Tornados. „Ich musste und wollte mich als junger Mensch von der Vaterperson absetzen“, sagt Jänicke. Im folgenden Jahr, mit 18, war er das erste Mal an der Organisation einer Demo für die Behinderten­­bewegung beteiligt.

„Bevor ich mit dem Studium fertig bin, ist der Atom­­krieg da.“

Er hat schon immer organisiert, koordiniert, mobilisiert, damit sich möglichst viele Menschen an den Aktionen beteiligen. Gegen Atom­­kraft, gegen Gentechnik – für Abrüstung, für den Frieden. 1984 beginnt seine Karriere als Voll­­zeit­­aktivist im Friedens­­büro in Reutlingen. Die Friedens­­bewegung wächst in den ersten Jahren sehr schnell, örtliche Gruppen entstehen und müssen unterstützt werden. Nebenher geht er aufs Abend­­gymnasium, überlegt, Germanistik oder Geschichte zu studieren. Doch dann wird ihm schnell klar: „Das macht alles keinen Sinn. Bevor ich mit dem Studium fertig bin, ist der Atom­­krieg da.“ Von Reutlingen aus fährt Jänicke häufig nach Mutlangen, um dort gegen die Lagerung der Pershing II-Atomraketen zu demonstrieren. 1987 zieht er dann nach Mutlangen, lebt dort in einer Wohn­­gemeinschaft mit anderen Aktivisten. Sie leben von Spenden, bezeichnen sich als Friedens­­arbeiter.

Ein Wohnwagen dient Jänicke als mobiles Büro. Dort beantwortet er die tägliche Flut an Mails, liest sich durch Akten und berät Aktivisten.

Das Konzept: Menschen, die neben ihrem Beruf keine oder wenig Zeit für Aktionen finden, spenden Geld. Aktivisten haben Kenntnisse, Fähig­­keiten und Zeit, hauptberuflich zu organisieren, Aktionen zu planen, andere zu mobilisieren. Mit den Spenden finanzieren sie ihr Leben und ihre Arbeit. Dieses Grund­­modell wurde auch auf die Bewegungs­­stiftung übertragen, erzählt Jänicke. Schon die Mutlanger Friedens­­arbeiter diskutierten lange: Ist das Modell vertretbar?

Audio: Jänicke über die Kritik des moralischen Freikaufens durch Spenden

 
Dass die Paten sich durch ihre Spenden in gewissem Sinne von ihrer Ver­­ant­­wortung freikaufen, ist für Jänicke nicht ganz un­­pro­­blematisch. Dennoch glaubt er daran, dass das Modell sinnvoll ist: Es brauche Menschen, die Bewegungs­­arbeit hauptamtlich machen, weil sie mehr Spiel­­raum haben, Aktionen vorzubereiten, von Anfang bis Ende durchzudenken, Hinter­­gründe zu recherchieren. Das lasse sich mit einem normalen Arbeits­­alltag schwer vereinbaren.

Jänicke hat sich für eine ganz bestimmte Lebens­­weise entschieden: Kein normaler Job, er lebt nur von Spenden und Grund­­sicherung. „Das Leben als Bewegungs­­arbeiter ist ein prekäres Leben“, sagt er. Von seinen Paten bekommt er jeden Monat 450 Euro. Diese Spenden gelten als mild­­tätige Zu­­wendung. Die Empfänger, also die Bewegungs­­arbeiter, müssen deshalb in irgendeiner Weise als bedürftig gelten. Das Leben als Bewegungs­­arbeiter ist für Jänicke aber auch ein politisch sinnvolles Leben. Er versucht, sich auf die notwendigen Dinge zu beschränken. „Ich kann sowieso nicht mit Geld umgehen. Egal ob ich mit 100 oder mit zehn Euro in die Stadt gehe, ich komme in jedem Fall ohne Geld zurück“.

Ganz anders muss er beruflich mit dem Geld haushalten. Seit 2010 hat er mit seinem Lebens­­gefährten Dirk Leube ein Rechts­­hilfe­­büro aufgebaut. Leube kümmert sich um Technik und Webdesign, Jänicke betreut Aktivisten als Rechts­­berater, vertritt sie bei Prozessen vor Gericht. Im Grunde macht er nichts anderes als ein Anwalt. Einen juristischen Abschluss hat er aber nicht. Die Rechts­­beratung darf er deshalb nur unentgeltlich anbieten. Pauschalen für Fahrt– oder Telefonkosten kann das Rechts­­hilfe­­büro allerdings berechnen. Haupt­­einnahme­­quelle des Rechts­­hilfe­­büros waren in den letzten Jahren Aktions­­unter­­stützungen. Er betreut Gruppen bei der Vor­­bereitung, Durch­­führung und Nach­­bereitung von Aktionen.

Auf diesen Aktionen sind Jänicke und Leube mit einem Wohnwagen unterwegs, der zugleich als Schlaf- und Arbeitsplatz dient.

 
Für eine Woche Camp und zwei Tage Aktion bekommt das Rechts­­hilfe­­büro etwa 3 500 Euro. „Das Problem ist nur, dass Aktivisten selten reiche Leute sind. Am Geld darf es aber nicht scheitern“, sagt er. Deshalb verlangt er manchmal für einen solchen Auftrag nur ein Zehntel des eigentlichen Betrags. Für Jänicke ein Zwie­­spalt: Einerseits muss sich das Rechts­­hilfe­­büro finanzieren, andererseits will er die Bewegung voranbringen.

Derzeit dadurch, dass er eine Prozess­­kampagne unterstützt. Er berät eine Gruppe, die auf das Gelände des Flieger­­horsts Büchel in der Eifel eingedrungen war. Die Aktivisten sagen, es sei ein offenes Geheimnis, dass dort Atom­­waffen lagern. Mit Transparenten gingen sie auf der Lande­­bahn spazieren, um auf die Völker­­rechts­­widrig­­keit der Atom­­waffen aufmerksam zu machen. Im letzten Jahr wurden sie wegen Haus­­friedens­­bruch verurteilt. Jetzt haben sie Revision eingelegt, bei einem Treffen besprechen sie die weitere Strategie. Holger Isabelle Jänicke, Clara, Karin, Katja, David und Ernst-Ludwig sitzen um einen Holz­­tisch im Halb­­schatten von Bäumen. Das Treffen findet im Garten von Katja statt. Für Teile der Gruppe würde ein Frei­­spruch ein Scheitern bedeuten. Sie wollen nicht von einer niedrigen Instanz freigesprochen werden, sondern sich mit ihrer Kampagne bis zum Bundes­­verfassungs­­gericht streiten. Ihr Wider­­spruch gegen die Atom­­waffen soll gehört werden und andere Aktivisten ermutigen, aktiv zu werden.

 
Die Aktivisten diskutieren von morgens bis in den Abend. Jänicke hält sich die meiste Zeit zurück – außer bei juristischen Fragen. „Holger Isabelle, kannst du uns erklären, was das bedeutet?“, fragt Katja, weil sie einen Teil der Revisions­­begründung nicht versteht. Die Sprache der Juristen ist kompliziert, Jänicke kann sie übersetzen. Schon unter den Mutlanger Friedens­­arbeitern waren einige Juristen. Die Kontakte hat Jänicke genutzt, um sich nach und nach mit der juristischen Aus­­drucks­­weise vertraut zu machen. Akribisch befasst er sich mit den Themen – einmal hat er elf Leitz-Ordner zum Thema Gen­­technik durchforstet. Er liest Gutachten und Kommentar­­literatur. Er durchdringt die Rechtslage, die für Laien unüber­­sichtlich erscheint.

Für den Prozess soll jeder der Angeklagten eine Ein­­lassungs­­rede schreiben, in die er seine wichtigsten Argumente packt. Jänicke gibt Tipps. „Eure Rede ist wie ein Schauspiel, sie braucht eine Dramaturgie“, erklärt er. Er schiebt die hand­­getöpferte Zucker­­dose und den blauen Wasser­­krug auf dem Tisch umher, um den Aufbau der Rede zu verdeutlichen. Wer wird in welcher Reihen­­folge sprechen? Wie tritt man am besten auf? Für den Prozesstag werden sie gemeinsam eine Gesamt­­choreo­­grafie entwickeln. Gemeinsam – das ist den Aktivisten wichtig. Jänicke sei der richtige für ihr Anliegen, weil er nicht für sie, sondern mit ihnen den Prozess führt, sagt Ernst–Ludwig. Er ergänzt: „Holger Isabelle hat viel Erfahrung, hat selbst viel in Gruppen gearbeitet.“

Als Vollzeit-Aktivist hat Jänicke immer etwas zu tun, oft stellt er die Freizeit hinten an. Doch einen anderen Beruf als Bewegungsarbeiter kann er sich nicht vorstellen.

 
Erfahrung, die Holger Isabelle Jänicke gerne erneuern würde. In den letzten Jahren war er kaum noch selbst aktiv bei Demon­­strationen. Dadurch entstehe eine andere Haltung, findet Jänicke: „Du musst viel stärker darauf Acht geben, dass du dich nicht über andere erhebst, weil du ja der Berater bist, der alles viel besser weiß.“ Die Lust, aktiv zu werden, hat dennoch nicht nachgelassen. „Es sind immer die anderen, die die Aktionen machen, die du auch für notwendig hältst. Auf Dauer ist das blöd.“ Früher saß er auch mal tagelang vor dem Atomwaffenlager in Mutlangen, monatelang verbrachte er für die Sitzblockaden im Gefängnis. Für seine tagelangen Sitz­­blockaden vor dem Atom­­waffen­­lager in Mutlangen saß er monatelang im Gefängnis.

Sechsmal war er eingesperrt, insgesamt 16 Monate und zwei Wochen. Die längste Zeit am Stück: neun Monate. „Im Knast selber ging’s mir eigentlich recht gut. Ich hatte eine Zelle für mich, alles was ich brauchte, musste nicht arbeiten. Jeden Tag hab‘ ich durchschnittlich 20 Briefe bekommen.“ Dennoch erinnert er sich auch an schwierige Tage im Gefängnis. Es ist Sommer, Jänicke sitzt in der Zelle und die Sonne scheint durch die Gitter­­stäbe. Er denkt: Wenn ich jetzt draußen wäre, könnte ich schwimmen gehen. Er verwirft seine Gedanken, denn er weiß genau: Wäre er jetzt draußen, was würde er wirklich machen? Entweder im Büro sitzen oder in irgendeinem Gerichts­­saal. „Freiheit ist nun wirklich sehr relativ. Das waren zumindest nicht die Gitter, die mich davon abgehalten haben, schwimmen zu gehen.“

Für seine Ziele hat er ein Stück seiner Freiheit geopfert. Hat Tage in Gerichts­­sälen, Monate in Gefängnis­­zellen verbracht. Seine Themen sind ihm wichtig, er setzt sich ein. Er sagt: „Ich will die Welt verändern und das mein‘ ich durchaus ernst. Sie kann nicht so bleiben, wie sie ist.“

 


Im EINSTEINS Print-Magazin lernt ihr in der Reportage „Ich mache aus Prinzip Stress“ die Bewegungsarbeiterin Cécile Lecomte kennen.


 

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