kreativer Protest

Gandhi statt Guevara

Vom Blockadetraining über Sambatrommeln bis hin zu Straßentheater. Mit einer Vielzahl von Workshops lernen die Teilnehmer auf der Attac-Aktionsakademie 2018 in Schwäbisch Hall, wie man friedlich und kreativ protestiert.

Vom Blockadetraining über Sambatrommeln bis hin zu Straßentheater. Mit einer Vielzahl von Workshops lernen die Teilnehmer auf der Attac-Aktionsakademie 2018 in Schwäbisch Hall, wie man friedlich und kreativ protestiert.


von Nico Scheinkönig

 
Die Sonne spiegelt sich in der Polizei-Schirmmütze auf Laras Kopf. Sie streckt ihren Arm aus und reißt Rainer das Kopftuch runter. Anschließend packt sie ihn fest am Oberarm und zerrt ihn neben sich her. Ihr Ziel ist das Gefängnis – eine Holzstab-Konstruktion, verkleidet mit Streifen aus schwarzem Absperrband, die das Gitter bilden. Ein Mann in Camouflage-Jacke stülpt Rainer eine schwarze Mülltüte über den Kopf und schubst ihn in das Gefängnis.

Die Teilnehmer der Aktionsakademie mitten in einer Szene des Straßentheaters

Der Grund für das Schauspiel ist Attac. Jedes Jahr bietet das globalisierungskritische Netzwerk in Deutschland die Aktionsakademie für Teilnehmer an, die politisch aktiv sind oder es werden wollen. Während die Bildungsveranstaltung im vergangenen Jahr noch, passend zum G20-Gipfel, in Hamburg stattgefunden hat, haben sich die Interessenten dieses Jahr in Schwäbisch Hall zusammengefunden. Bei der Aktionsakademie geht es besonders und das Zusammenkommen, den Austausch von Erfahrungen und kreative Protestformen.

Innerhalb von drei Tagen lernen knapp 120 Teilnehmer, wie sie friedlich und kreativ protestieren können – in verschiedenen Workshops wie Blockadetraining, Sambatrommeln oder einem Bastelworkshop. „Es geht einfach darum, eine Botschaft rüber zu bringen. Nur ein Banner oder ein Flugblatt, sind weder interessant für die Passanten, noch für die Presse“, sagt Boris Loheide, der Organisator der Aktionsakademie. Gewaltfrei ist ein sehr großes Stichwort bei Attac, fast schon ein Grundsatz: Als Organisator ist es seine Aufgabe, den Überblick über die Vorbereitungen zu behalten. Besonders wichtig ist für ihn, dass das abschließende Straßentheater ein Erfolg wird.

Boris Loheide, der Organisator der Aktionsakademie

Drohend schlägt Lara ein paar Mal ihren Stock in die offene Hand, dann packt sie die brüllenden Aktivisten am Arm und bringt sie in Richtung Gefängnis. Auch sie bekommen einen Müllsack übergestülpt. Zu dritt marschieren sie jetzt ins Gefängnis, die Tüten wedeln im Gleichschritt. Mit einem großen Ausfallschritt zerreißt Rainer seine Mülltüte und bleibt stehen. „Nein zum Polizeigesetz!“, brüllen sie jetzt alle. Nicht nur die Schauspieler, sondern auch die anderen Teilnehmer und tatsächlich auch ein paar Passanten. Danach brandet Applaus auf. „Wir haben Interesse geweckt und die Leute waren neugierig. Sie sind stehen geblieben, und das ist schon mal das Wichtigste“, sagt Loheide.

 Ein paar Tage vor der Aktion wird im Camp noch fleißig geprobt, gebastelt und Choreografien werden einstudiert

 

Protestieren will gelernt sein

Ein Schlag gegen die Klangschale, der Gong füllt den Raum: „Stellt euch vor, ihr seid ein Tier“. Emilio blickt verträumt durch seine langen weißen Haare. Lucy liegt auf einer Turnbank, ihre Dreadlocks hängen nach unten und berühren den Boden. „Jetzt erwacht ihr wieder, wie bewegt ihr euch?“, fragt Emilio. Wieder schlägt er den Gong. Lucy springt auf, als hätte sie jemand gebissen. Ihre Arme bewegt sie auf und ab. Mit den Beinen trabt sie leicht, sie kreischt und krächzt. Lucy ist ein Vogel. Ein großer Vogel – vielleicht ein Adler? Auch eine andere Teilnehmerin springt jetzt durch den Raum, bewegt ihre Arme auf und ab. Lucy verfolgt sie, versucht sie zu picken. Während die beiden sich gegenseitig zu fangen versuchen, kriechen andere auf dem Boden. Die Klangschale ertönt wieder.


Welches Thema die Teilnehmer bei der großen Aktion in der Schwäbisch Haller Innenstadt umgesetzt haben und wie die Workshops angekommen sind, erfahrt ihr bei EINSTEINS TV.


 

Emilio leitet den Straßentheater-Workshop

Emilio (63) ist seit der 68er-Bewegung politisch aktiv. Als 15-Jähriger protestierte er erstmals auf einer Demonstration in seiner Heimatstadt Aachen. Gemeinsam mit anderen Demonstranten hat er sich auf die Gleise der Straßenbahn gesetzt und für den Nulltarif protestiert. Sie forderten kostenlosen öffentlichen Nahverkehr.
Die Demo wurde durch die Reiterstaffel der Polizei aufgelöst, wobei Demonstranten verletzt wurden, darunter einer seiner Freunde. Mit viel Wut gegen den Staat folgte Emilio der Parole „Macht kaputt was euch kaputt macht“. Geprägt von den Erlebnissen solidarisiert er sich mit den militanten Freiheitsbewegungen in Südamerika. Erst durch ein sehr politisch orientiertes Psychologie- und Soziologiestudium lernte er auch, gewaltfrei zu handeln. Während früher noch Che Guevara sein Vorbild war, wurde es später Gandhi. Bei der Aktionsakademie 2018 leitet er den Straßentheater-Workshop.

Emilio ist der Meinung, dass sich politische Botschaften auch anders darstellen lassen als mit Bannern oder Flugblättern, nämlich mit Straßentheater. Die Möglichkeiten sind dabei vielfältig: Umsetzbar sind beispielsweise körperbetonte Statuen, Pantomime oder textbetonte Konfliktszenen mit Interaktion des Publikums. Im Workshop wird über häufige Fehler bei der Umsetzung gesprochen, aber auch über die Chancen, die das Straßentheater bietet: Durch Kreativität Interesse und Neugierde der Zuschauer zu wecken.

Lucy ist in diesem Jahr zum ersten Mal bei Attac dabei

Lucy ist 16 Jahre alt und im Club Alpha in Schwäbisch Hall aktiv, dem ältesten selbstverwalteten sozio-kulturellen Zentrum Baden-Württembergs. Dort ist sie seit knapp eineinhalb Jahren im Arbeitskreis Politik tätig. Die Gruppe demonstriert gemeinsam oder plant verschiedene Aktionen wie Kleidertausch, Foodsharing oder einen Christopher Street Day in Schwäbisch Hall. Der Club wird durch ATTAC unterstützt. Auf diesem Weg ist Lucy dieses Jahr zum ersten Mal zur Aktionsakademie gekommen.

 

Auch das Bilden von Blockaden wird geübt.

„Wer von euch war denn schon einmal an einer Blockade beteiligt?“, fragt Andrej. „Stop Racism“ steht auf Andrejs lila Pulli, eingepfercht in ein Fadenkreuz. Hände schnellen nach oben. „Welche Arten von Blockaden kennt ihr denn?“ Manche werfen „Sitzblockade“, andere „Menschenkette“ ein und auch der Begriff „Festketten“ fällt. Die Gruppe teilt sich auf in Polizisten und Aktivisten, die setzen sich auf den Boden und diskutieren, wie sie sich einhaken wollen. „Zeigt mir eine gute Sitzblockade“, ruft Andrej. Sie halten sich fest: Arm um Bein, Arm in Arm, Arm um Schulter. „Wir bleiben hier! Wir bleiben hier!“, brüllt Udo immer wieder. Jana übernimmt die Rolle der Polizistin. Sie presst ihre Lippen aufeinander. Sie gibt alles, zieht einen nach dem anderen aus der Gruppe heraus. Was hier Spaß ist, ist eigentlich Training für den Ernstfall.

Die Teilnehmer lernen verschiedene Blockadeformen kennen und setzen sie gleich in die Tat um. Hier eine Sitzblockade

Jana (23) engagiert sich politisch als Bundestagskandidatin von Bündnis 90/ Die GRÜNEN betätigt sie sich besonders in der Geflüchteten-Hilfe und kennt sich mit politischen Themen wie TTIP oder CETA aus. „Jeder hat ein Recht auf Menschenrechte und Grundrechte, da darf niemand ausgelassen werden“.

Jana ist Bundeskandidatin der Grünen

Jana findet, dass sie diese Grundrechte besonders bei Attac verteidigen kann. Aktuell studiert sie Bildungswissenschaften an der Universität in Bielefeld. Auch ihren Freund hat sie politisch angesteckt. Gemeinsam waren sie bei der Aktionsakademie 2018 in Schwäbisch Hall – er im Straßentheater-Workshop und Jana sowohl beim Blockadetraining als auch bei der Sambagruppe.

 

 

Das Sambatrommeln bringt Rhythmus und weckt Interesse bei Passanten